Andrea Streit

Malerei und Zeichnungen

Brandneu

Rückbau 2014

Im Herbst 2014 war ich im Rahmen des „Regenerativ-Verfahren“ der Galerie B, Frankfurt/Oder zu einem einmonatigen Aufenthaltes eingeladen.
Dort angekommen, las ich täglich die regionale Tageszeitung, die „Märkische Oderzeitung (MOZ)“. So wurde ich auf ein zentrales Thema der Stadt aufmerksam, das „ Integrierte Stadtentwicklungskonzept Frankfurt/Oder“, kurz INSEK. Dieses Konzept umfasste den Rückbau von Wohneinheiten, dass heißt, den Abriss von Wohnhäusern bis hin zu ganzen Wohngebieten.
Ergänzend zu dem Thema sammelte ich aus Internet, städtischer Bibliothek und Veröffentlichungen der Stadt, Informationen über Umfang und Ursache des INSEK und machte zu guter Letzt Ortsbegehungen betroffener Wohngebiete, auch mit Ortsansässigen. So war ich Beispielsweise mehrmals im Stakerweg 19-22, wo ca.11.300 cbm umbauter Raum, mit insgesamt 43 Wohneinheiten, ab dem 6. Oktober 2014, abgerissen werden sollten.
Begleitend zu meiner Beschäftigung mit dem Thema führte ich viele Gespräche mit Gästen der Galerie B und Passanten auf der Straße.
Dabei ging ich immer gleich vor: Ich stellte Fragen nach ihrer Herkunft, ihrem Motiv für ein Leben in Frankfurt/Oder, ihrem Beruf, ihrer Einstellung zur Stadt, ihrer aktuellen Wohnungssituation und ihre Meinung über die einheimische Mentalität.  In Gedächtnis-protokollen auf DIN 4 Zeichenblätter hielt ich diese Gespräche fest. Zudem fertigte ich Stiftzeichnungen von Neuberesinchen an, einem der aktuell betroffenen Rückbaugebiete der Stadt. Beide Arbeitsteile bilden die Arbeit „Rückbau 2014“, eine temporäre Erkundung zum Strukturwandel dieses spezifischen städtischem Lebensraumes.
Außerdem filmte und fotografierte ich gemeinsam mit Andrea Neese (Berlin) und Nancy Happ (Gifhorn) im Stakerweg 19-25, Kommunardenweg 1-10 und Am Goldtzhorn/ Ecke Mühlenweg.

Das gesamte Material bis auf den Film konnte ich bereits in der Installation „Rückbau F./O“, in der Galerie B, Frankfurt/Oder zeigen. Sie bestand aus mit Farbmarkern bezeichneten Zeitungsartikeln der MOZ, Stiftzeichnungen, Fotokopien von aktuellen Ortsbegehungen, Gesprächsnotizen, einer Stadtfahne und der Fahne der Galerie sowie Fotografien von Ortsansässigen von persönlichen Plätzen der Stadt/Umgebung als Leihgabe.
Außerdem fertigte ich eine „Präambel der Stadt“ mit sieben Punkten an. Diese abgefasste Erklärung beinhaltete Pläne, die die Entwicklung der Stadt deutlich verbessern sollte.
 
Auszug Gedächtnisprotokoll
Herr R., KVM (Kunstvereinsmitglied); erster Erwachsener aus Frankfurt; arbeitet im CC (Callcenter); im Kunstverein (arbeitet er als) Techniker; kennt sich mit Bewegungsmeldern, Zeitschaltuhren, Kondensatoren und vielem anderen elektronischen Apparaturen aus; Frankfurt Oder ist nicht der Hit (sagt er); (es gäbe) Thema Arbeitslosigkeit, Abriss von Wohnungen, drohende Mieterhöhungen, Verschlechterung der sozialen Lage, (ein) Nährboden für Rechtsradikalismus erfinde sich (hier) neu; Politik(er) mache(n) die Augen zu; (es) gebe keine eindeutige Haltung gegen Abwanderung; etwa 1955-2000 habe das Arbeitsamt jungen Einwohnern die „auswandern“ (wollten) 3000-5000 (Mark) dafür gegeben, (dass sie blieben); er arbeite im CC (Callcenter) nur, um überhaupt Arbeit zu haben; (der) Auftraggeber sei aus dem „Westen!; sie nutzten die niedrigeren Preise (Löhne) im Osten; „Was soll man tun? - Nach selbst weggehen stand ihm nicht der Sinn.“; Kennzeichen der Stadt: Rathaus mit Vogel drauf und (der) O-Turm; (der) Helenesee, 12 km (von Frankfurt entfernt)-ein Wasser vor der Stadt; Badebetrieb; Musikfest mit 200 000 Besuchern (?); der Frankfurter sei von allem etwas „Mittelgemütsdeutsch-meine Erfindung“; sein Vater, auch Frankfurter, lebte mit (seinen) Eltern in (der) Dammvorstadt (heutiges Slubice); dort hatte die Familie (ein) Grundstück, (ein) Haus; (sein) Vater hebt die Urkunden auf; (hofft) vielleicht doch mal Zahlung von (einer) Entschädigung; Herr R. selbst habe zur Heimat seines Vaters keine Beziehung

Herr K., KVM (Kunstvereinsmitglied); 79 Jahre; Veterener a.D.; (hat) Schwester; *1924; lebte in Braunschweig; kein besonders Verhältnis (zur Schwester); war Sparfuchs; beide hatten unterschiedliche Einstellungen zu de Eltern; de Vater hielt sie für einen Halbgott, die Mutter für eine Hexe; für Herrn K. War die Mutter dagegen ein gütiger, wohl wollender Mensch; (seine) Schwester hatte als Arzthelferin einen Arzt geheiratet; zwei Kinder bekommen; später geschieden; erneute Heirat mit Bäckereifabrikant; erneut geschieden; wenn sie nach Frankfurt an die Oder kam, interessierte sie lediglich der kleine und große Polenmarkt; so machte sie lediglich Tagesfahrten; Herr K. Lief dann mit ihr mit; Bruder, *1925, lebt u Fürstenwalde; (hat) zwei Söhne, beide(s) Frauenärzte; haben viel Geld; Bruder selbst reist nicht gern; ist sehr auf Fürrstenwalde fixiert; (anderer) Bruder, *1926-34 (?) ist vor seiner Geburt gestorben; (seine) Mutter war Hausfrau; Vater praktischer Hausarzt; er hat im 1. Weltkrieg gedient; war Anhänger des alten deutschen Kaisers; außerdem Antisemit, Antikommunist, erzkonservativ, Mitglied der Alemannen, Humanist; etwa 1033/34 sei der Vater im Nachbardorf in beruflicher Sache gewesen und habe beobachtet, wie ein SA Schlägertrupp mehrere Kommunisten zusammen geschlagen hatten; er wäre sofort in sein Dorf gefahren und habe die Kommunisten dort gewarnt und dabei geholfen, sie im Wald zu verstecken; einige Stunden später kam der selbe SA Trupp in das heutige Lemierzyce (bis zum 12.11.1946 hatte der Ort den deutschen Namen „Limmritz“, mit etwa 1000 EW), wo die Familie L. Lebte; jemand hatte den Vater beobachtet und der SA gemeldet; er wurde ein paar Tage nach den Vorfall abgeholt; erhielt mehrere Monate Zuchthaus zum „Schutz vor dem Volkszorn“; den Antisemitismus habe er abgelegt nach dem er erfahren hatte, was den jüdische Menschen zugestoßen war

Herr D.; Grafiker; Frankfurter; Ende 50ig?: früher im Halbleiterwerk gearbeitet; nach 1990 auf Empfehlung seines Schwiegervaters zu neuem Arbeitsgebiet gekommen; Frankfurt Oder sei nicht schön, (es) gebe schönere Städte; nennt keine als Beispiel; erzählt von DDR Zeit – (es gab) großes Stasiaufgebot; er ist auch mal abgeholt wurden (von der Stasi); Eltern stammen aus der Nordstadt; weg(gehen) wollte er nicht wegen (seiner) Eltern, (seiner) Verwandtschaft, (seiner) Freunde;(er) hat sich eingerichtet; mag die Landschaft; kennt sich mit den über 300 Werken „Kunst am Bau“ aus (die sich in der Stadt befinden); „lauscht“ gelegentlich, wenn Passanten vor der „Rothe Skulptur“ die unter seinem Arbeitsplatz steht und die doll´sten Geschichten (dazu) erzählen; Herr D. spricht „bürgerdeutsch“; witzelt (gern und) viel; dieser (Eine) Frankfurter macht´s Leben froh; jammert nicht; ein Original
 
 
 

 
 
 



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